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| | | Homepage = [https://www.flaschenpost.de www.flaschenpost.de] | | | Homepage = [https://www.flaschenpost.de www.flaschenpost.de] |
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| − | Die '''Flaschenpost SE''' ist ein deutscher [[Lieferdienst]] für Getränke mit Sitz in Münster. | + | Die '''Flaschenpost SE''' ist ein deutscher [[Lieferdienst]] für Getränke mit Sitz in Münster. Die Geschäftsidee von Flaschenpost ist: schwere Getränkekisten bis an die Wohnungstür bringen - ohne Liefergebühr. |
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| | ==Arbeitsbedingungen== | | ==Arbeitsbedingungen== |
| − | Im Sommer 2019 wurde aus der Niederlassung Münster berichtet, es gäbe dort ein im Winter ungeheiztes Lager, verdreckte Toiletten, nur 15 Minuten Pause bei acht Stunden Arbeitszeit und kaum eine Möglichkeit, in Vollzeit zu arbeiten. Die Kundenbeschwerden nähmen zu und der Druck lande bei den Fahren (weil beworbene Sonderangebote zu früh vergriffen sind). An heißen Tagen, an denen der meiste Umsatz gemacht würde, berichtete ein Mitarbeiter, er müsse bei 32 Grad in fünf Stunden schon mal 1200 Kisten bewegen. Das Deaktivieren der Klimaanlagen in den Transportern sei Standard gewesen. Die Arbeit werde zu wenig wertgeschätzt. Da würden ein paar Gratistrinkflaschen verteilt, das sei die einzige Reaktion auf die Hitze gewesen. | + | |
| | + | ====== Lohn ====== |
| | + | Der Basis-Stundenlohn für Neue beträgt in Berlin 10,60, nach zwei Jahren erst liegt er bei 11,40 Euro. Auf die in der Werbung genannten 13,90 Euro kommt man nur mit einem Leistungsbonus von 2,50 Euro – und den gibt es nur für die schnellsten 5 Prozent der Fahrer*innen.<ref>Simon Zamora Martin 24.06.2021 https://taz.de/Arbeitsbedingungen-beim-Onlinedienst/!5777780/</ref> |
| | + | Bei den Beschäftigten im Lager sieht es noch schlechter aus. Um den Bonus von dort maximal 1,50 Euro zu bekommen, müssen sie nach Auskunft des Berliner Betriebsrats derzeit 150 Kisten pro Stunde schleppen: Ein- und Ausladen, Lieferungen zusammenstellen, Leergut abwickeln. Wobei für den Bonus wohl nur zusammengestellte Lieferungen zählen. Das ist gut und gerne eine zweistellige Zahl an Tonnen Gewicht, die in einer Acht-Stunden-Schicht zu schleppen sind. Was durch das Bonussystem zudem nötig wird, ist die Überwachung jedes Arbeitsschritts.<ref>Simon Zamora Martin 24.06.2021 https://taz.de/Arbeitsbedingungen-beim-Onlinedienst/!5777780/</ref> |
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| | + | ====== Schichtmodell ====== |
| | + | Vollzeitverträge garantieren lediglich 20 Stunden die Woche, in vielen Teilzeit- und Minijobverträgen werden gar keine Schichten garantiert. Dreimal täglich kommen E-Mails mit freien Schichten, auf die Mitarbeiter*innen sich bewerben müssen.<ref>Simon Zamora Martin 24.06.2021 https://taz.de/Arbeitsbedingungen-beim-Onlinedienst/!5777780/</ref> |
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| | + | ====== Befristung ====== |
| | + | Flaschenpost benutze eine Ausnahmeregelung für Startups im Teilzeit- und Befristungsgesetz und könne deshalb vier statt nur zwei Jahre lang befristete Arbeitsverträge ausstellen.<ref>Simon Zamora Martin 24.06.2021 https://taz.de/Arbeitsbedingungen-beim-Onlinedienst/!5777780/</ref> |
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| | + | ====== Lohnfortzahlung und Entbindung von ärztlicher Schweigepflicht ====== |
| | + | im Krankheitsfall zahlt Flaschenpost laut Angabe von Mitarbeitern nur die vertraglich garantierten Arbeitsstunden. Dafür unterschreiben Arbeitnehmer*innen bei Flaschenpost eine Entbindung der ärztlichen Schweigepflicht gegenüber dem Arbeitgeber, der taz liegt ein Arbeitsvertrag vor, in dem eine solche Klausel enthalten ist.<ref>Simon Zamora Martin 24.06.2021 https://taz.de/Arbeitsbedingungen-beim-Onlinedienst/!5777780/</ref> |
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| | + | ====== Hygienemängel und Verstöße gegen Arbeitsschutz ====== |
| | + | Im Sommer 2019 wurde aus der Niederlassung Münster berichtet, es gäbe dort ein im Winter ungeheiztes Lager, verdreckte Toiletten, nur 15 Minuten Pause bei acht Stunden Arbeitszeit und kaum eine Möglichkeit, in Vollzeit zu arbeiten. |
| | + | An heißen Tagen, an denen der meiste Umsatz gemacht würde, berichtete ein Mitarbeiter, er müsse bei 32 Grad in fünf Stunden schon mal 1200 Kisten bewegen. Das Deaktivieren der Klimaanlagen in den Transportern sei Standard gewesen. Ein paar Gratistrinkflaschen seien die einzige Reaktion auf die Hitze gewesen. |
| | <ref>Frank Biermann: Das Lieferant*innen-Proletariat hat die Nase voll[https://www.sperre-online.de/das-lieferantinnen-proletariat-hat-die-nase-voll-foodora-und-flaschenpost-beschaeftigte-wollen-betriebsrat-und-faire-arbeitsbedingungen/]23.08.2019</ref> | | <ref>Frank Biermann: Das Lieferant*innen-Proletariat hat die Nase voll[https://www.sperre-online.de/das-lieferantinnen-proletariat-hat-die-nase-voll-foodora-und-flaschenpost-beschaeftigte-wollen-betriebsrat-und-faire-arbeitsbedingungen/]23.08.2019</ref> |
| | <ref>Frontberichte 10 2019[https://arbeitsunrecht.de/frontberichte-10-2019/#anker01]</ref> | | <ref>Frontberichte 10 2019[https://arbeitsunrecht.de/frontberichte-10-2019/#anker01]</ref> |
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| | Nach einem Bericht der Tagesschau vom 2. November 2020 sah es in der Zeit kurz vor der vor der Übernahme durch die Oetker-Gruppe und der Fusion mit Durstexpress nicht besser aus: Team- und Schichtleiter hätten unbezahlte Überstunden leisten müssen, die Fahrer hätten oft nicht pünktlich Feierabend machen können, es hätte Probleme beim Arbeitsschutz gegeben und Mitarbeitern, die unverschuldet wegen Krankheit fehlten, sei schnell gekündigt worden. Das Unternehmen habe die Tatsache ausgenutzt, dass viele Mitarbeiter Teilzeitkräfte waren und es keine betriebliche Mitsprache gab. Vor der Übernahme durch die Oetker-Gruppe habe man offensichtlich die Mitarbeiterkosten in der Bilanz niedrig halten wollen. "Schlimmer als die Flaschenpost geht es nicht", ist das Fazit eines Mitarbeiters."<ref>Marcel Kolvenbach in der Tagesschau, Flaschenpost und Durstexpress – „Ein Klima der Angst“[https://www.tagesschau.de/wirtschaft/flaschenpost-durstexpress-oetker-101.html]04.11.2020</ref> | | Nach einem Bericht der Tagesschau vom 2. November 2020 sah es in der Zeit kurz vor der vor der Übernahme durch die Oetker-Gruppe und der Fusion mit Durstexpress nicht besser aus: Team- und Schichtleiter hätten unbezahlte Überstunden leisten müssen, die Fahrer hätten oft nicht pünktlich Feierabend machen können, es hätte Probleme beim Arbeitsschutz gegeben und Mitarbeitern, die unverschuldet wegen Krankheit fehlten, sei schnell gekündigt worden. Das Unternehmen habe die Tatsache ausgenutzt, dass viele Mitarbeiter Teilzeitkräfte waren und es keine betriebliche Mitsprache gab. Vor der Übernahme durch die Oetker-Gruppe habe man offensichtlich die Mitarbeiterkosten in der Bilanz niedrig halten wollen. "Schlimmer als die Flaschenpost geht es nicht", ist das Fazit eines Mitarbeiters."<ref>Marcel Kolvenbach in der Tagesschau, Flaschenpost und Durstexpress – „Ein Klima der Angst“[https://www.tagesschau.de/wirtschaft/flaschenpost-durstexpress-oetker-101.html]04.11.2020</ref> |
| | ==Union Busting== | | ==Union Busting== |
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| | Auf [https://arbeitsunrecht.de arbeitsunrecht.de] berichteten wir bereits in der Vergangenheit, dass Flaschenpost bzw. Durstexpress die Gründung von Betriebsräten und das Engagement für bessere Arbeitsbedingungen unter anderem in Münster, Düsseldorf und Leipzig zu verhindern versuchte.<ref>Frontberichte 10 2021[https://arbeitsunrecht.de/frontberichte-10-2021/#anker04]</ref><ref>Magazin Mitbestimmung der Hans-Böckler-Stiftung[https://www.boeckler.de/de/magazin-mitbestimmung-2744-22904.htm]02/2020</ref> | | Auf [https://arbeitsunrecht.de arbeitsunrecht.de] berichteten wir bereits in der Vergangenheit, dass Flaschenpost bzw. Durstexpress die Gründung von Betriebsräten und das Engagement für bessere Arbeitsbedingungen unter anderem in Münster, Düsseldorf und Leipzig zu verhindern versuchte.<ref>Frontberichte 10 2021[https://arbeitsunrecht.de/frontberichte-10-2021/#anker04]</ref><ref>Magazin Mitbestimmung der Hans-Böckler-Stiftung[https://www.boeckler.de/de/magazin-mitbestimmung-2744-22904.htm]02/2020</ref> |
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| − | Im Rahmen des Zusammenschlusses von [[Durstexpress]] und Flaschenpost streikten Ende 2020 in mehreren Städten die Mitarbeiter beider Unternehmen. Doch Flaschenpost lässt nicht locker und geht mit zahlreichen [[Union Busting-Methoden]] gegen die Versuche Betriebsräte zu gründen vor. Laut der Gewerkschaft Verdi konnten die Beschäftigten bisher keinen unabhängigen Betriebsrat ohne Repressionen durch das Unternehmen gründen. | + | Im Rahmen des Zusammenschlusses von [[Durstexpress]] und Flaschenpost streikten Ende 2020 in mehreren Städten die Mitarbeiter beider Unternehmen. Flaschenpost geht mit zahlreichen [[Union Busting-Methoden]] gegen die Versuche Betriebsräte zu gründen vor. Laut der Gewerkschaft Verdi konnten die Beschäftigten bisher keinen unabhängigen Betriebsrat ohne Repressionen durch das Unternehmen gründen. |
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| − | In Düsseldorf klagte das Unternehmen gegen die Wahl des Wahlvorstandes und entließ alle involvierten Kollegen. In Leipzig versuchte Flaschenpost, die Betriebsversammlung zu verhindern. In Köln schaffte das Unternehmen es nach Angaben von Kollegen, diese Versammlung zu sprengen: Die Geschäftsführung habe die Beschäftigten an der Teilnahme gehindert, während sie unternehmenstreue Mitarbeiter zur Abstimmung geschickt hätte. Die Initiative ehemaliger Durstexpress-KollegInnen [https://kuendingdingdong.wordpress.com/ KünDingDong] berichtet, dass Durstexpress bzw. Flaschenpost in Leipzig und Berlin an zahlreiche entlassende Mitarbeiter mittlerweile hohe Abfindungen wegen unrechtmäßigen Entlassungen und fehlender Massenentlassungsanzeige zahlen musste. Wie hoch die gezahlten Abfindungen tatsächlich sind veröffentlichte die Initiative jedoch nicht. | + | In '''Düsseldorf''' klagte das Unternehmen gegen die Wahl des Wahlvorstandes und entließ alle involvierten Kollegen. In '''Leipzig''' versuchte Flaschenpost, die Betriebsversammlung zu verhindern. In '''Köln''' schaffte das Unternehmen es nach Angaben von Kollegen, diese Versammlung zu sprengen: Die Geschäftsführung habe die Beschäftigten an der Teilnahme gehindert, während sie unternehmenstreue Mitarbeiter zur Abstimmung geschickt hätte. |
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| | + | Flaschenpost lässt befristete Verträge von Betriebsratsmitgliedern auslaufen.<ref>Simon Zamora Martin 24.06.2021 https://taz.de/Arbeitsbedingungen-beim-Onlinedienst/!5777780/</ref> |
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| | + | Die Initiative ehemaliger Durstexpress-KollegInnen [https://kuendingdingdong.wordpress.com/ KünDingDong] berichtet, dass Durstexpress bzw. Flaschenpost in Leipzig und Berlin an zahlreiche entlassende Mitarbeiter mittlerweile hohe Abfindungen wegen unrechtmäßigen Entlassungen und fehlender Massenentlassungsanzeige zahlen musste. Wie hoch die gezahlten Abfindungen tatsächlich sind veröffentlichte die Initiative jedoch nicht. |
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| | ===Betriebsratsverhinderung in Berlin 2021=== | | ===Betriebsratsverhinderung in Berlin 2021=== |
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| | ==Übernahme durch Dr. Oetker== | | ==Übernahme durch Dr. Oetker== |
| | Flaschenpost gehört seit Oktober 2020 zu Dr. Oetker und betreibt mittlerweile rund 30 Standorte mit mehr als 8.000 Angestellten. Die Dr. August Oetker KG ist die Holding der Oetker Gruppe mit dem Stammsitz im ostwestfälischen Bielefeld. Zur Oetker Gruppe gehören rund 400 Firmen aus verschiedenen Branchen. Der Umsatz der Unternehmen betrug im Jahr 2019 rund 7,4 Mrd. Euro. Die Oetker Gruppe beschäftigt dabei weltweit rund 34.000 Mitarbeiter. | | Flaschenpost gehört seit Oktober 2020 zu Dr. Oetker und betreibt mittlerweile rund 30 Standorte mit mehr als 8.000 Angestellten. Die Dr. August Oetker KG ist die Holding der Oetker Gruppe mit dem Stammsitz im ostwestfälischen Bielefeld. Zur Oetker Gruppe gehören rund 400 Firmen aus verschiedenen Branchen. Der Umsatz der Unternehmen betrug im Jahr 2019 rund 7,4 Mrd. Euro. Die Oetker Gruppe beschäftigt dabei weltweit rund 34.000 Mitarbeiter. |
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| | + | == Umfirmierung als europäische Aktiengesellschaft SE == |
| | + | Mithilfe einer Briefkastenfirma in Österreich änderte Flaschenpost im Jahr 2019 ihre Rechtsform in eine europäische Aktiengesellschaft (SE). Ein Vorteil dieser Rechtsform: Das relativ weitreichende Recht, im Betrieb mitzubestimmen, gilt nicht für einen SE-Betriebsrat. Diese sind ein reines Informationsgremium. Drei Wochen nach der Umwandlung zur SE berichtete der ''Spiegel'' über ein internes Dokument von Flaschenpost, nachdem der zehnköpfige SE-Betriebsrat von nur einer Person von Flaschenpost Münster gewählt werden sollte. |
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| | ==Nachweise / Quellen== | | ==Nachweise / Quellen== |
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